| Preis: | BDA PREIS BERLIN 2009 |
| Titel: | Wohnhaus und Sammlung Boros |
| Ort: | Berlin |
| Architekt: | Realarchitektur |
| Bauherr: | Christian Boros |
Der denkmalgeschützte ehemalige Luftschutzbunker in Berlin-Mitte geht auf eine Musterplanung des späteren Stadtbaudirektors von West-Berlin, Karl Bonatz zurück. In der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße sollte er Reisenden der Reichsbahn Schutz vor Luftangriffen bieten. Für den Umbau mussten allein aus der drei Meter starken Dachdecke des Luftschutzbunker 150 Kubikmeter Beton gestemmt werden. Die neu auf dem Dach errichteten Wohnräume sind durchgängig 3,75 Meter hoch, vierseitig orientiert und diskret gegliedert. Durch Entnahme einzelner Decken- und Wandabschnitte wurde für die Sammlung ein neues Raumgefüge entwickelt. Passiert man die alten Stahltüren variieren beispielsweise die lichten Raumhöhen im neuen Eingangsbereich zwischen 2 und 20 Meter. Fragmente einer alten Lüftungsanlage, Graffiti-, und andere Kriegs- und Nutzungsspuren wurden außen und innen konserviert, die Spuren der Schalungs- und Betonierarbeiten tragen auch innerhalb der Wohnräume zur Lebendigkeit der Oberflächen bei und kontrastieren mit neuen Oberflächen, geräuchertem dunklem Eichenholz, fränkischem Muschelkalk und dem intensiv bepflanzten Garten, der das Wohnen vierseitig umfasst.
Bericht der Jury: Die Frage des Umgangs mit Luftschutzbunkern blieb in vielen europäischen Städten ungelöst. Der Umbau eines denkmalgeschützten Hochbunkers in Berlin-Mitte stellt einen originellen und in vielerlei Hinsicht zukunftsweisenden Beitrag zu diesem Problem dar. In dem Gebäude wurden die öffentlich zugängliche Kunstsammlung von Christian Boros untergebracht sowie auf dem Dach die Wohnung des Kunstsammlers.
Die Architekten war in Zusammenarbeit mit der Berliner Denkmalbehörde um eine präzise Archäologie des Bunkers bemüht, was zu einem höchst komplexen Ergebnis führte: Die Spuren der ursprünglichen Konstruktionsprozesse, die Kriegsschäden, die Gebrauchsspuren sind genauso sichtbar wie die Wunden, die die Baumaschinen schlugen, welche bei dem Umbau zum Durchbruch der Decken und Wände eingesetzt wurden. Dabei sind die Architekten selektiv vorgegangen und haben bezogen auf das Kunstwerk oder die Installation über Erhaltung des Zustands oder Anstrich der Wandflächen entschieden. Auf diese Weise konnte der Eindruck einer bedrückenden Omnipräsenz der Geschichte vermieden werden. Das Ergebnis ist eine wechselvolle Abfolge von Räumen verschiedener Höhe - von 2 bis zu 20 Metern - wo jedes Kunstwerk seine eigene Wirkung unverwechselbar entfalten kann.
Die Wohnung des Kunstsammlers auf dem Dach wirkt großzügig, ohne die Materialität ihres massiven „Unterbaus“ zu leugnen. Indem Stahlbeton als dominanter Werkstoff zum wichtigsten Ingrediens der Atmosphäre wurde, sorgen die mit Präzision ausgeführten Details dafür, dass die klaustrophobische Beengtheit des Bunkers hier einer Opulenz und Offenheit weicht. Neben dem offensichtlichen Kontrast zum Festungscharakter des Bunkers, der etwa durch die Bepflanzung der Terrasse noch verstärkt wird, sind auch jene Elemente der Kontinuität wichtig, welche den Umgang mit dem Bunker charakterisieren; etwa die Präsenz der Arbeitsspuren, welche jetzt durch hochwertige Einbauten und sorgfältig ausgewählte Möbelstücke aufgewertet wird.
Das Projekt überzeugt durch eine Integration der Geschichte, die man als optimistisch bezeichnen kann – nicht zuletzt dank der wohl überlegten räumlichen Inszenierung und sorgfältigen Detaillierung.