Nach der Mauer - Wohnen Gedenken
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Gedenkstätte©mola_winkelmüller_architekten

Mit der Ausstellung ‚Nach der Mauer. Wohnen Gedenken’ eröffnete die BDA Galerie im Juli 2010 ihre Reihe zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Anhand der gezeigten Projekte dokumentierte sie die Entwicklung des ehemaligen Grenzstreifens in der Bernauer Straße in Berlin-Mitte. Anlässlich der Vernissage sprach der Architekturjournalist Hubertus Adam, dessen Rede wir in Auszügen wiedergeben.

„Es gibt in Berlin eine Reihe von Orten, die sich in das kollektive Gedächtnis als Zeichen der Teilung eingebrannt haben: das Brandenburger Ort als wohl prominentestes Symbol; der Checkpoint Charlie, offizieller Übergang für die Alliierten; die Glienicker Brücke als Ort des Austauschs von Agenten; der „Tränenpalast“ als individueller Ort des Abschieds. Und dann ist da noch die Bernauer Straße. Auch hier sind es Bilder, die sich unweigerlich bei der Nennung des Straßennamens einstellen: Bilder der vermauerten Häuser auf der Südseite der Straße, Bilder der Fluchttunnel, Bilder des Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann, der den Stacheldrahtverbau überspringt und dabei seine Maschinenpistole wegwirft.

Westen und Osten waren an der Bernauer Strasse so nahe beieinander wie sonst kaum irgendwo in der geteilten Stadt, die Grenze verlief seit dem 13. August 1961 nicht einmal zwischen den beiden Straßenseiten, sondern zwischen Haus und Bürgersteig. Der Begriff der Grenzlinie war hier unmittelbar greifbar. Analog zu anderen Orten in Berlin wurde die Linie zur Fläche aus Vorderland- und Hinterlandmauer, Todesstreifen, Postenwegen etc. Das bedeutete, die gründerzeitliche Bebauungsstruktur im Grenzbereich niederzulegen. Die Versöhnungskirche ereilte es 1985.

Das freie Schussfeld aus Ostberliner Seite korrespondierte indes mit der Brachlandschaft auf der Nordseite, die politisch im Westen lag. Als fehle das stützende Gegengewicht, wurden auch die Häuser im Wedding sukzessive eliminiert. Das Stichwort lautete Flächensanierung und bedeutete die Zerstörung des Stadtorganismus. Eine Wende brachte der von Josef Paul Kleihues 1971-77 realisierte Wohnblock an der Vinetastrasse. Der Rückgriff auf eine traditionelle Blockrandbebauung präludierte gleichsam die Idee der IBA 1984/87.

Die Bernauer Strasse ist vorwiegend ein Erinnerungsort für die Teilung Berlins und Deutschlands. Aber sie ist auch ein Beleg für den hypertrophen Rationalismus, die Stadt zu teilen und die Stadt zu zerstören.

Brachen ringsum, so stellte sich die Situation nach 1989 dar: Brachen, getrennt durch eine Mauerlinie, die zur Fläche geworden war. Brachen sind für mich Signatur und Entwicklungspotenzial Berlins zugleich. Aber tappe ich angesichts dieser Brache nicht in eine romantische Falle? Denn wer aus konkreten Gedenkorten abstrakte Gedenklandschaften macht, läuft Gefahr, konkreter Benennung auszuweichen.

Und doch ist mir das, was um die Bernauer Strasse herum in den letzten Jahren geschehen ist, grundsätzlich sympathisch. Warum?

Weil die Debatte um den Umgang kontrovers ist, weil aus der Debatte nicht automatisch Setzung resultiert und die Deutungshoheit nicht klar ist.

Weil es keine zentrale Gedenkstätte gibt, sondern eine Vielzahl von Orten –von memorialen Orten, aber auch alltäglichen. Gedenken ist individuell.

Weil ich hoffe, dass es hier – anders als sonst mitunter in Berlin – gelingt, Spuren zu erhalten. Michel Foucault äußerte einmal, dass es darum gehe, Monumente in Dokumente zu verwandeln und damit sprachfähig zu machen. Dass eine Stadt geteilt werden kann, ist einer nachwachsenden Generation kaum noch zu vermitteln. Es bedarf der Spuren.

„Wohnen Gedenken“ heißt die Ausstellung. Die Begriffe stehen nebeneinander, weder durch ein Satzzeichen noch durch ein „und“ verbunden. Ohne Gedenken ist Wohnen hier nicht zu haben, und doch bedarf es auch der Normalität. Die Ausstellung dokumentiert den Kampf und den Ort – und die Herausforderung, wie er sich beleben lässt. Das Nebeneinander von musealen und alltäglichen Orten, welches die Reihe der Projekte widerspiegelt, bildet das Potenzial dieses Ortes, der wie ein Schnitt durch Sediment die Schichten und Geschichten Berlins offen legt.“

 

Hubertus Adam

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